Seit Mai 2018 gelten verbindliche Lärm-Beurteilungspegel für (Büro) Arbeitsstätten, unterhalb der Auslösepegel der LärmVibrationsArbSchV.

Die Arbeitsstättenregel ASR A3.7 "Lärm" wurde im Ministerialblatt der Bundesregierung bekannt gemacht und damit verbindlich. Download bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Wenn eine Tätigkeit hohe Konzentration oder Sprachverständlichkeit fordert, ist ein Beurteilungspegel von 55 dB(A) einzuhalten, für mittlere Konzentration oder Sprachverständlichkeit gelten 70 dB(A).

Die Arbeitsstättenregel ASR A3.7 erkennt u.a. an:

"Ab einem A-bewerteten äquivalenten Dauerschallpegel von 70 dB(A) kann als aurale Lärmwirkung eine reversible Hörminderung (Vertäubung) auftreten".

"Extra-aurale Lärmwirkungen zeigen sich u.a. in verschiedenen physiologischen und psychischen Reaktionen, die über das zentrale und das vegetative Nervensystem des Menschen vermittelt werden. Diese Wirkungen entsprechen einer Stressreaktion".

"Lärm ist wahrscheinlich das am weitesten verbreitete Ärgernis in Büros, und kann zu erhöhtem Stress für die Mitarbeiter führen."
Center for the Built Environment, University of Berkeley, California

 

"Schlechte Akustik setzt Lärmspirale in Gang".
BLLV

"Über 60% der Nutzer von Arbeitskabinen glauben dass die Akustik sie dabei behindert ihre Arbeit zu machen."
Whole Building Desing Guide - a program of the U.S. National Institute of Building Sciences

Die U.S. General Services Administration hat eine umfassende Richtlinie über Akustik am Arbeitsplatz veröffentlicht. Darin wird festgestellt, "Büroakustik ist ein Schlüsselfaktor für Arbeitsleistung und Wohlbefinden am Arbeitsplatz."

Eine geeignete Raumakustik unterstützt effektives Arbeiten im Büro und reduziert die Lärmbelastung

"Eine akustisch gut gestaltete Büroumgebung trägt maßgeblich dazu bei, dass die Beschäftigten ungestört und konzentriert arbeiten und kommunizieren können. Eine abgestimmte Akustik fördert die Produktivität ... und ist damit ein wichtiger Faktor für Motivation und Erfolg in der Büroarbeitswelt."
"Dagegen können laute, störende Geräusche die Konzentration, die Leistungsfähigkeit und sogar die Gesundheit negativ beeinflussen. Störender Lärm im Büro wird von den Beschäftigten als „Störfaktor Nummer eins“ genannt – noch vor anderen Faktoren wie Klima und Licht."
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung

"Das vegetative, die Körperfunktionen regulierende, Nervensystem ist meist ab einem A-bewerteten Schalldruckpegel von 60 dB betroffen, während Einflüsse auf die psychische Verfassung und der kognitiven Leistungsfähigkeit schon ab einem A-bewerteten Schalldruckpegel oberhalb von 30dB auftreten können."
Meis, Klink: Lärmwirkungen in Büroumwelten... In: Schick, Meis, Nocke: Akustik in Büro und Objekt, Beiträge zur psychologischen Akustik 10

"zeigte sich, dass Teilnehmer in einer simulierten Büroarbeit bei einem mittleren ... Schalldruckpegel von 55 dB einen signifikant höheren Adrenalinspiegel aufwiesen als Teilnehmer in einer ruhigeren Geräuschsituation."
Evans, Johnson: Stress and open office noise. Journal of Applied Psychology 85(5)

"Eine geeignete akustische Gestaltung der Raumbegrenzungsflächen ist insbesondere bei größeren Umbaumaßnahmen oder bei Neubauten zu berücksichtigen. .... Aber auch in bestehenden ungünstig gestalteten Arbeitsräumen ist eine raumakustische Nachbesserung als flankierende Lärmminderungsmaßnahme häufig unumgänglich."
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - baua

Fachartikel: Raumakustik planen

Lesen Sie hier unseren Fachartikel, den die Zeitschrift Das Büro - Magazin für moderne Büroarbeit veröffentlicht hat.

Fachartikel: Es kommt nicht nur auf die Nachhallzeit an

Lesen Sie unseren Fachartikel im Online Büromagazin Office Roxx hier.

Fachartikel: Raumakustik in der Planung von modernen Bürolandschaften

Große offene Bürolandschaften wie wir sie vor Jahren schon von Firmen aus dem Silicon Valley gesehen haben liegen immer noch im Trend. Sie können Mitarbeiter motivieren und beeindrucken und sind deshalb auch Teil des Personalmarketings mancher Firmen. Viele Kollegen hätten gegen Tischkicker und Entspannungsbereiche nichts einzuwenden. Kunden und Investoren verbinden die moderne Optik von open space offices mit der Innovationskraft der Firma und das Management möchte die Kommunikation unter Mitarbeitern verbessern und Offenheit und Transparenz unterstützen.

Herausforderung open space office

Genau so gerne wie wir unsere Blicke durch die offenen Bürolandschaften schweifen lassen breitet sich Schall darin aus. Unerwünschter Schall ist Lärm und Lärm macht krank. So wurde in vielen Untersuchungen belegt, dass Lärm negative Auswirkungen auf unseren Körper hat. Menschen die mit Lärm gestresst werden, haben einen höheren Adrenalinspiegel im Blut und ihr vegetatives Nervensystem zeigt direkte Reaktionen. Während physische Reaktionen erst ab einem deutlich wahrnehmbaren Schalldruckpegel auftreten, werden Reaktionen der Psyche bereits bei einem geringeren Lärmpegel beobachtet. Die größte Auswirkung auf das Arbeitsergebnis hat Lärm bei Tätigkeiten die das Gedächtnis stark beanspruchen. Mitarbeiter werden zunehmend gestört und machen mehr Fehler je mehr Kollegen in einem Büro arbeiten.

Für Büroplaner ist die Realisierung von open space offices unter Vermeidung der negativen Auswirkungen des Lärms eine Herausforderung. Eine genauere Betrachtung der akustischen Verhältnisse schon in den Design- und Planungsphasen von Büros wird unerlässlich.

Nachhallzeit alleine führt nicht zum Ziel

In der Vergangenheit wurde – falls die Akustik überhaupt in der Büroplanung Berücksichtigung fand – meist nur die Nachhallzeit betrachtet. Die Nachhallzeit ist zwar eine der wichtigsten akustischen Größen, im Bürobereich ist allerdings ihre ausschließliche Betrachtung unzureichend. In einfachen akustischen Beurteilungen von Büros wird oft mit der Nachhallzeit und der äquivalenten Absorptionsfläche gearbeitet. Diese Größen hängen über die Sabine‘sche Formel (W. C. Sabine, Physiker, † 1919) zusammen und können damit vermeintlich leicht bestimmt werden. Die Formel ist nahezu genial einfach, unterliegt aber Einschränkungen. So ist sie für Einzelbüros anwendbar, für open space offices in denen die horizontale Ausdehnung deutlich größer als die Höhe ist hat Sabine‘s Formel aber keine Gültigkeit. Weiterhin berücksichtigt die Nachhallzeit nicht die spezifische Lärmausbreitung. Doch genau die stellt eines der Hauptprobleme in großen Bürolandschaften dar. Letztlich gilt zu berücksichtigen, dass die Betrachtung Nachhallzeit hilft, die Hörsamkeit (vereinfacht: die Verständlichkeit von Sprache) in einem Raum sicherzustellen. In Büros ist aber nur über sehr kurze Entfernung ein Verstehen der Kollegen gewünscht. Entfernt sitzende Kollegen möchte man im Idealfall gar nicht hören, sie als „Hintergrundgeräusch“ wahrzunehmen wird geduldet, Ihre Worte aber zu verstehen löst Ablenkung von der Arbeit aus. Wenn also die Nachhallzeit alleine nicht taugt um moderne Büros zu planen, womit soll der Bürodesigner dann arbeiten?

Werfen wir vor der Beantwortung dieser Frage einen Blick auf die gesetzlichen und normativen Anforderungen an die Akustik von Büros, die auch berücksichtigt werden müssen.

Gesetzliche und Normative Anforderungen

Die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) gibt Beurteilungspegel für Lärm an, die nicht überschritten werden dürfen. Für überwiegend geistige Tätigkeiten gilt ein eigener Grenzwert. Die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV) legt auch Grenzwerte für Schallpegel fest, allerdings zur Einführung von Gehörschutzmaßnahmen und somit in einem Pegelbereich der in Büros nicht angetroffen werden sollte. Die Technischen Regeln zur LärmVibrationsArbSchV schlagen aber weitere Größen vor, die für Büros durchaus interessant sind: die Schallpegelabnahme pro Abstandsverdoppelung und der mittlere Schallabsorptionsgrad α des Raums. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) fordert höhere Grenzwerte für den Schallabsorptionsgrad als die LärmVibrationsArbSchV. Zusätzlich soll nach DGUV die Nachhallzeit des Büroraums in einem bestimmten Bereich liegen. Aus einer Forschung im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Soziales und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse (AWE) hervorgegangen, die für die Bürogestaltung interessante Ansätze liefern. Die AWE benennen die Forderungen der ArbStättV klar als unzureichend und führen einen Hintergrundpegel ein, der je nach Typ des Büros (Einzel-, Gruppen-, Großraumbüro) ein bestimmtes Maximum unterschreiten soll. DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen“ fordert seit 2016 für Büros ein minimales A/V-Verhältnis (Verhältnis von äquivalenter Absorptionsfläche zu Raumvolumen) und verweist für Details zur Büroplanung auf VDI 2569. Im Entwurf aus 2016 fordert diese Richtlinie eine bestimmte Nachhallzeit, einen bauseitigen maximalen Störgeräuschpegel sowie einen Schalldruckpegel der Sprache in 4m Abstand.

All dies zu berücksichtigen dürfte für Büroplaner nahezu unmöglich sein. Selbst Akustiker haben an der Fülle der Anforderungen keine Freude, zumal sie sich zum Teil widersprechen oder zumindest unterschiedliche Grenzwerte benennen. Aus wirtschaftlicher Sicht wird kaum ein Büroprojekt diese Masse an Anforderungen verkraften – schließlich gilt es neben der Akustik noch viele andere Disziplinen einzubeziehen.

Welche Größen haben welchen praktischen Nutzen?

An diesem Punkt ist es verständlich, dass immer mehr Büroplaner einen Akustiker zu Rate ziehen. Dieser muss im nächsten Schritt also entscheiden, welche Größen er für die Planung heranzieht und welche Grenzwerte er für jede Größe einsetzt. Dabei ist neben der Aussagekraft einer Größe das Aufwand-Nutzen Verhältnis wichtig. Manche Größen sind in der Praxis nur mit viel Aufwand zu bestimmen. So ist es z.B. zu hinterfragen ob in einem Planungsprojekt nach Designänderungen tagelang aufwändige Simulationen wiederholt werden können. Völlig ungeeignet sind akademisch bestimmte Werte die zu ungenau sind oder die zu empfindlich auf Änderungen in Materialien oder Anordnungen reagieren. Auch sollte immer im Blick behalten werden, wie flexibel eine geplante Bürolandschaft auf Veränderungen durch z.B. Umzug von Mitarbeitern oder Änderungen der Größe einer Gruppe sein muss. Schließlich wird in vielen Büros nach nicht allzu langer Zeit ein Tisch verschoben - dadurch darf das Akustikkonzept nicht kippen.

Um das Bürodesign so effizient wie möglich zu gestalten und gleichzeitig die akustischen Anforderungen so weit wie nötig zu erfüllen, empfiehlt Ton im Raum die folgenden vier Größen zu berücksichtigen: Schallabsorptionsgrad α und Nachhallzeit T sowie Hintergrundpegel LH. Zusätzlich die Pegelabnahme pro Distanzverdoppelung D2,S oder alternativ den Schalldruckpegel der Sprache in 4m Abstand Lp,A,S4m.

Umfassende, aber wirtschaftliche Beurteilung der Büroakustik

Ton im Raum schlägt vor, die folgenden Punkte in die Planung eines jeden Bürodesigns zu integrieren. In Absprache mit dem Projektleiter sollten diese Arbeitsschritte angepasst und ergänzt werden um die Akustikplanung gut in die Über-Alles-Planung des Auftraggebers einzufügen.
Einbeziehung der Akustik in Planungsworkshops bzw. Mitarbeiterbefragungen: Neben dem Ermitteln von wichtigen Kundenanforderungen kann der Büroplaner dabei auch Verständnis dafür aufbauen dass neben den technischen Lösungen die der Bürobauer installiert auch organisatorische und kulturelle Maßnahmen von den Mitarbeitern selbst umzusetzen sind. So sollten z.B. Besprechungen in den dafür vorgesehenen Bereichen stattfinden.
Überprüfung auf „auffallenden“ Pegel einzelner Schallquellen: Dies bezieht sich zunächst auf Geräte, kann sich aber auch auf Abteilungen oder Personen beziehen.
Überprüfung auf ausreichende Sprachdämpfung aus anderen Arbeitsbereichen: Denn oft werden Sprachinformationen aus der eigenen Abteilung besser geduldet als abteilungsfremde Satzteile.
Planerisches Verfahren zur Ermittlung des Hintergrundpegels: Dieses Verfahren berücksichtigt die geplante Fläche pro Arbeitsplatz sowie Schallschirme. Auch Lärm von haustechnischen Anlagen und Außenlärm wird berücksichtigt. Als Ergebnis liefert das Verfahren eine lärmtechnische Arbeitsplatzqualifizierung mit Einstufungen von optimal bis ungünstig. Das Planerische Verfahren arbeitet größtenteils überschlägig und schnell. Es bietet ein gutes Aufwand-Nutzen Verhältnis und erzeugt Ergebnisse mit ausreichender Genauigkeit.
Rechnerische Kontrolle von mittlerem Schallabsorptionsgrad α und – soweit sinnvoll – Nachhallzeit T
Überprüfung auf zu erwartende Flatterechos oder Fokussierungen: Diese beiden Effekte verursachen massive Irritationen bei den Bürobenutzern. Ihr Auftreten kann aber von erfahrenen Akustikern anhand von Planungsdaten erkannt und vermieden werden.
Messung des Beurteilungspegels LH, der Nachhallzeit T und der Pegelabnahme pro Distanzverdoppelung D2,S: Nach Realisierung des Büros können diese Werte Aufschluss darüber geben, ob die Planung korrekt verlaufen ist bzw. korrekt umgesetzt wurde.

Möglichkeiten zu nutzen bringt Wettbewerbsvorteil

Heute stehen der Akustik viele Erkenntnisse zur Verfügung, die über eine einfache Nachhallzeitbetrachtung hinausgehen und damit einen wertvollen Beitrag zur Planung moderner Bürolandschaften leisten. Für Büroplaner ist die Einbeziehung dieser Erkenntnisse ein Wettbewerbsvorteil, denn Kunden werden dann zufrieden sein, wenn ihr neues Büro nicht nur repräsentativ aussieht sondern auch langfristig ein effektives und produktives Arbeiten ermöglicht.

Dipl. Ing. (FH) Stefan Hepp, Ton im Raum, 27.06.2017